Timur Turlov ist neuer FIDE-Präsident – vom Finanzunternehmer zum Schachfunktionär

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Editor: Toni G.

10/12/2026

Timur Turlov ist neuer FIDE-Präsident – vom Finanzunternehmer zum Schachfunktionär

Timur Turlov ist neuer Präsident des Weltschachbundes FIDE. Der 38-jährige Kasache wurde am 26. September bei der Generalversammlung in Samarkand gewählt und folgt damit auf Arkady Dvorkovich, der den Verband seit 2018 geführt hatte. Turlov setzte sich in der zweiten Wahlrunde mit 110 zu 85 Stimmen gegen den Deutschen Wadim Rosenstein durch. Insgesamt waren Delegierte aus 196 nationalen Schachverbänden an der Wahl beteiligt. Für Turlov ist es der bisher wichtigste Schritt in einer bemerkenswerten Karriere, die ihn vom Finanzunternehmer zu einem der einflussreichsten privaten Förderer des Schachs geführt hat.

Turlov wurde am 13. November 1987 geboren. Beruflich ist er vor allem als Unternehmer und Finanzmanager bekannt. Er ist Vorstandsvorsitzender von Freedom Holding Corp., einem international tätigen Finanzdienstleistungskonzern, der an der US-Technologiebörse NASDAQ notiert ist. Nach Angaben der FIDE verfügt das Unternehmen über eine Marktkapitalisierung von knapp elf Milliarden US-Dollar. Unter Turlovs Führung entwickelte sich Freedom von einem Finanzunternehmen mit Schwerpunkt auf internationalen Märkten zu einer breiter aufgestellten Unternehmensgruppe mit Aktivitäten unter anderem im Bankwesen, Versicherungsbereich und bei digitalen Dienstleistungen.

Der Weg zum Schach verlief dabei nicht über eine Karriere als Spieler. Turlov spielt nach Angaben der FIDE seit seiner Kindheit Schach, doch sein Einfluss auf das Spiel entstand vor allem über seine Rolle als Unternehmer und Mäzen. In den vergangenen Jahren begann er, erhebliche Summen in die Entwicklung des Schachs zu investieren. Freedom Holding Corp. stellte innerhalb von drei Jahren nach Angaben der FIDE rund 30 Millionen US-Dollar für Schachprojekte in Kasachstan zur Verfügung. Unterstützt wurden dabei mehr als 20 große internationale FIDE-Turniere. Damit entwickelte sich Turlovs Unternehmen zu einem der bedeutendsten privaten Schachsponsoren weltweit.

Vom Unternehmer zum Verbandspräsidenten

Eine entscheidende Station in Turlovs Schachkarriere war seine Wahl zum Präsidenten des kasachischen Schachverbandes im Januar 2023. Seitdem hat er den Ausbau der Schachinfrastruktur in Kasachstan vorangetrieben und die Organisation internationaler Veranstaltungen unterstützt. Kasachstan entwickelte sich in dieser Zeit zunehmend zu einem wichtigen Austragungsort für internationale Schachturniere. Freedom war unter anderem an der Unterstützung von Weltmeisterschaften, Welt- und Schnellschachveranstaltungen sowie Nachwuchsprogrammen beteiligt.

Turlovs Engagement beschränkt sich allerdings nicht auf Spitzenschach. Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit ist die Verbindung von Schach und Bildung. Im September 2024 wurde gemeinsam mit der FIDE die International School Chess Federation gegründet. Turlov übernahm den Vorsitz der Organisation. Ziel ist es, Schach stärker in Schulen und Bildungseinrichtungen zu etablieren und Kindern und Jugendlichen weltweit den Zugang zum Spiel zu erleichtern. Dabei arbeitet die Organisation mit Schulen, Bildungsorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und nationalen Schachverbänden zusammen.

Auch auf regionaler Ebene engagiert sich Turlov. Er steht der Turkic Chess Association vor, in der die Schachverbände von Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgisistan, Turkmenistan, der Türkei und Usbekistan zusammenarbeiten. 2026 wurde unter dem Dach des Verbandes in Astana erstmals die Mannschaftsmeisterschaft der turksprachigen Länder ausgetragen. Turlov versucht damit, Schach auch über die traditionellen europäischen Zentren hinaus stärker zu vernetzen.

Schach als langfristiges Investment

Turlovs Verhältnis zum Schach ist eng mit seiner unternehmerischen Philosophie verbunden. In einem FIDE-Interview aus dem Jahr 2024 erklärte er, dass Schach für ihn eine globale Sprache sei und sich zahlreiche Parallelen zwischen dem Spiel und der Geschäftswelt erkennen ließen. Freedom Holding hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere bedeutende Schachveranstaltungen unterstützt, darunter die Weltmeisterschaften im Blitz- und Schnellschach sowie den Weltmeisterschaftskampf 2023 in Astana.

Auch 2026 wurde diese Verbindung weiter ausgebaut. Freedom Holding wurde offizieller Partner verschiedener FIDE-Programme und unterstützt unter anderem internationale Turniere, Trainingszentren, Bildungsprogramme und Maßnahmen zur Talentförderung. Im September wurde das Unternehmen zudem General Partner des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Gukesh Dommaraju und Javokhir Sindarov.

Damit ist Turlov nicht nur Funktionär, sondern zugleich einer der größten privaten Geldgeber des Schachs. Genau diese Verbindung zwischen wirtschaftlichen Ressourcen und Verbandsarbeit wird seine Präsidentschaft prägen. Turlov bringt Erfahrung aus der Leitung eines international tätigen Unternehmens mit, gleichzeitig kennt er durch seine Tätigkeit im kasachischen Schachverband die praktischen Herausforderungen eines nationalen Verbandes.

Digitalisierung und neue Strukturen

Ein weiterer Schwerpunkt von Turlovs Schachverständnis ist die Digitalisierung. Er spricht sich dafür aus, digitale Lösungen stärker einzusetzen, um die Arbeit der FIDE und ihrer Mitgliedsverbände effizienter und transparenter zu gestalten. Auch Dienstleistungen für Spieler und Schachgemeinschaften sollen dadurch verbessert werden. In seiner bisherigen Arbeit verband er deshalb klassische Schachförderung mit modernen digitalen und wirtschaftlichen Strukturen.

Sein unternehmerischer Hintergrund könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Freedom Holding ist stark international ausgerichtet und in mehreren Ländern tätig. Turlov hat Erfahrung darin, Unternehmen über Ländergrenzen hinweg aufzubauen und verschiedene Geschäftsbereiche miteinander zu verbinden. Als FIDE-Präsident steht er nun vor einer ähnlichen Herausforderung: Der Weltschachbund umfasst mehr als 200 nationale Verbände mit sehr unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten, Strukturen und schachlichen Traditionen.

Turlov selbst betonte nach seiner Wahl, dass die FIDE trotz unterschiedlicher Meinungen als eine Gemeinschaft zusammenarbeiten müsse. Er sprach von einer großen Verantwortung und erklärte, dass stärkere und unabhängigere Mitgliedsverbände eine zentrale Voraussetzung für die weitere Entwicklung des Schachs seien. Sein Ziel sei es, dem Schach weltweit mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Viswanathan Anand an seiner Seite

Bereits im Wahlkampf setzte Turlov auf eine prominente Verbindung zur Schachwelt. Sein Kandidat für das Amt des Deputy President war der fünffache Weltmeister Viswanathan Anand. Das Wahlteam verband damit die Erfahrung eines der bekanntesten Spieler der Schachgeschichte mit Turlovs wirtschaftlichem und organisatorischem Hintergrund. Die Kandidatur wurde im Juli 2026 offiziell eingereicht.

Für Turlov ist die Wahl zum FIDE-Präsidenten damit der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die erst vor wenigen Jahren begonnen hat. 2023 übernahm er den kasachischen Schachverband, 2024 folgte die Gründung der International School Chess Federation und parallel wuchs das finanzielle Engagement von Freedom Holding im internationalen Schach. Nun steht er an der Spitze des Weltverbandes.

Seine Amtszeit beginnt gleichzeitig in einer Phase großer Veränderungen. Die FIDE hat neue Qualifikationswege für das Kandidatenturnier 2028 beschlossen, das Format des World Cups ab 2027 verändert und die Digitalisierung ihrer Angebote vorangetrieben. Dazu kommen neue Partnerschaften mit internationalen Unternehmen. Turlov übernimmt somit keinen Verband im Stillstand, sondern eine Organisation, deren sportliche und wirtschaftliche Strukturen sich derzeit stark verändern.

Ein neuer Typ FIDE-Präsident

Mit Turlov steht nun ein Präsident an der Spitze der FIDE, dessen beruflicher Hintergrund deutlich außerhalb der klassischen Funktionärswelt liegt. Er ist kein ehemaliger Weltmeister und war vor seinem Einstieg in die Verbandsarbeit kein international bekannter Schachfunktionär. Seine Verbindung zum Schach entstand vielmehr aus persönlicher Begeisterung, unternehmerischem Engagement und der Bereitschaft, erhebliche finanzielle Mittel in die Entwicklung des Spiels zu investieren.

Bei der Wahl in Samarkand erhielt er zunächst 96 von 192 gültigen Stimmen. Wadim Rosenstein kam auf 76, Jan Henric Buettner auf 20 Stimmen. Da Turlov damit die notwendige Mehrheit knapp verfehlte, wurde rund zwei Stunden später eine zweite Runde durchgeführt. Dort erhielt er 110 Stimmen gegenüber 85 für Rosenstein. Turlov wurde damit zum achten Präsidenten der FIDE gewählt.

Er tritt sein Amt mit 38 Jahren an und gehört damit zu den jüngsten Präsidenten in der Geschichte des Weltverbandes. Vor ihm liegen nun vier Jahre, in denen sich zeigen wird, ob er seine Vorstellungen von Digitalisierung, internationaler Entwicklung, Schachförderung und moderner Verbandsführung tatsächlich umsetzen kann.

Eines steht bereits fest: Timur Turlov kommt nicht als klassischer Schachfunktionär an die FIDE-Spitze. Er kommt aus der Finanzwelt, hat dort ein internationales Unternehmen aufgebaut und in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil seines Engagements dem Schach gewidmet. Nun erhält er die Möglichkeit, seine Vorstellungen auf die gesamte Schachwelt zu übertragen.

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