Runde 4: Firouzja führt, Carlsen meldet sich zurück – Armageddon sorgt erneut für maximale Spannung

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Editor: Leyla K.

5/29/2026

Norway Chess 2026 nach Runde 4: Firouzja führt, Carlsen meldet sich zurück – Armageddon sorgt erneut für maximale Spannung

Vier Runden sind beim diesjährigen Norway Chess 2026 gespielt, und schon jetzt zeigt sich, warum das Turnier in Oslo zu den spektakulärsten Veranstaltungen des internationalen Schachkalenders gehört. Sowohl im offenen Wettbewerb als auch im Frauenturnier gab es intensive klassische Partien, überraschende Wendungen und dramatische Armageddon-Entscheidungen. Vor allem das spezielle Punktesystem prägt erneut den Charakter des Turniers: Drei Punkte für einen Sieg in der klassischen Partie, ein Punkt für ein Remis – und danach die Chance auf einen Extrapunkt im Armageddon. Dadurch bleibt praktisch jede Begegnung bis zuletzt relevant.

Nach vier Runden führt im offenen Turnier überraschend deutlich Alireza Firouzja mit 8,5 Punkten das Feld an. Der Franzose spielt bislang eines der stärksten Turniere seiner jüngeren Karriere und wirkt sowohl taktisch scharf als auch psychologisch äußerst stabil. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Firouzja trotz einer Knöchelverletzung antritt, die er sich kurz vor Turnierbeginn zugezogen hatte. Gerade seine Erstrundensensation gegen Magnus Carlsen sorgte international für Schlagzeilen. Es war Firouzjas erster klassischer Sieg gegen den Norweger überhaupt.

Auch in Runde zwei blieb Firouzja stark und besiegte Praggnanandhaa in der klassischen Partie. Erst in Runde vier musste er einen kleinen Dämpfer hinnehmen, als er gegen Wesley So zwar remis spielte, anschließend aber das Armageddon verlor. Trotzdem verteidigte er die Tabellenführung.

Hinter Firouzja folgt Praggnanandhaa mit sechs Punkten. Der junge Inder wirkt bislang extrem kämpferisch und gehört zu den Spielern, die das Armageddon-Format besonders gut annehmen. Gegen Vincent Keymer verpasste er in Runde vier zwar einen möglichen klassischen Sieg, rettete sich nach dem Remis aber in das Armageddon und gewann dort nervenstark.

Wesley So liegt mit 5,5 Punkten ebenfalls aussichtsreich im Rennen. Der Amerikaner spielt bisher ein typisches So-Turnier: äußerst stabil, schwer zu besiegen und besonders gefährlich in Schnellschachformaten. Gerade im Armageddon wirkt er bislang extrem abgeklärt.

Große Aufmerksamkeit galt nach Runde vier natürlich erneut Magnus Carlsen. Der Turniergastgeber erwischte einen ungewohnt schwachen Start. Gegen Firouzja verlor er direkt zum Auftakt in einer Partie, in der er unter Zeitdruck die Kontrolle verlor. Auch die zweite Runde gegen Keymer verlief chaotisch. Carlsen vergab im klassischen Teil mehrere Gewinnmöglichkeiten und rettete sich erst im Armageddon. Anschließend kritisierte er seine eigene Leistung ungewöhnlich scharf und sprach selbst von einem der schlechtesten Partieniveaus, das er in seiner Karriere gespielt habe.

Doch in Runde vier meldete sich Carlsen eindrucksvoll zurück. Ausgerechnet gegen Weltmeister Gukesh Dommarajugelang ihm die bislang überzeugendste klassische Partie des Turniers. Mit den schwarzen Steinen übernahm Carlsen im Mittelspiel zunehmend die Initiative und nutzte kleinere Ungenauigkeiten des Inders konsequent aus. Die Partie erinnerte viele Beobachter an jene technische Kontrolle, die Carlsen über Jahre hinweg zur dominierenden Figur des Weltschachs gemacht hatte.

Für Gukesh dagegen verläuft das Turnier bislang wechselhaft. Der amtierende Weltmeister wirkt phasenweise kämpferisch, konnte seine Chancen bislang aber nicht konstant verwerten. Gerade im Armageddon scheint er sich noch an das aggressive Format anpassen zu müssen. Die Niederlage gegen Carlsen war zudem psychologisch bedeutsam, nachdem beide bereits im vergangenen Jahr ein emotionales Duell geliefert hatten.

Auch Vincent Keymer erlebt bisher ein schwieriges Turnier. Der Deutsche zeigte in mehreren klassischen Partien gute Ansätze, konnte daraus aber zu selten volle Punkte machen. Besonders das Armageddon scheint ihm bislang weniger zu liegen als einigen Konkurrenten.

Im Frauenturnier präsentiert sich die Lage ähnlich spannend. Überraschend an der Spitze steht derzeit Bibisara Assaubayeva mit sieben Punkten. Die Kasachin überzeugt bislang durch enorme Nervenstärke im Armageddon. Besonders ihr Sieg gegen Frauenweltmeisterin Ju Wenjun nach klassischem Remis war ein wichtiges Ausrufezeichen.

Dahinter folgt ein dichtes Verfolgerfeld mit Anna Muzychuk, Zhu Jiner und Divya Deshmukh. Gerade Divya hatte zunächst mit mutigem Schach beeindruckt, ehe ihre kleine Siegesserie zuletzt gestoppt wurde. Trotzdem gehört sie bislang zu den positiven Überraschungen des Turniers.

Ju Wenjun dagegen wirkt bislang noch nicht vollständig in Form. Die chinesische Weltmeisterin spielt zwar solide klassische Partien, verliert aber zu häufig die Armageddon-Entscheidungen. Gerade dieses Format entwickelt sich in Oslo erneut zu einem entscheidenden Faktor.

Und genau darin liegt die besondere Dynamik von Norway Chess. Das klassische Schach bleibt zwar das Herzstück des Turniers, doch die Armageddon-Partien verändern die Psychologie des gesamten Wettbewerbs. Ein Remis bedeutet hier eben nicht automatisch Ruhe oder Punkteteilung. Stattdessen folgt unmittelbar ein hochintensiver Schnellschachkampf, in dem Zeitmanagement, Nervenstärke und praktische Entscheidungen oft wichtiger werden als objektive Perfektion.

Nach vier Runden lässt sich deshalb bereits festhalten: Das Turnier ist deutlich offener, als viele erwartet hatten. Firouzja wirkt derzeit am stabilsten, Carlsen scheint nach seinem Fehlstart wieder Fahrt aufzunehmen, und hinter den Spitzenreitern bleibt das Feld eng zusammen.

Die kommenden Runden dürften deshalb nicht nur sportlich hochklassig, sondern auch emotional intensiv werden – ganz im Stil dieses außergewöhnlichen Turnierformats.

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