Die Unsterbliche Partie – Als Adolf Anderssen Schachgeschichte schrieb
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Editor: Thomas L.
7/22/2026


Die Unsterbliche Partie – Als Adolf Anderssen Schachgeschichte schrieb
Es gibt Partien, die Turniere entscheiden. Es gibt Partien, die Weltmeister hervorbringen. Und dann gibt es Partien, die ihren Platz in der Schachgeschichte für die Ewigkeit sichern. Die Begegnung zwischen Adolf Anderssen und Lionel Kieseritzky, gespielt am 21. Juni 1851 in London, gehört zweifellos zur letzten Kategorie. Mehr als 170 Jahre nach ihrer Austragung wird sie noch immer analysiert, bewundert und zitiert. Kein anderes Schachduell des 19. Jahrhunderts hat einen vergleichbaren Mythos entwickelt.
Unter dem Namen „Die Unsterbliche Partie“ ging die Begegnung in die Geschichte ein. Sie gilt bis heute als Sinnbild des romantischen Schachs – einer Epoche, in der Angriffslust, Opferbereitschaft und kreative Ideen oft wichtiger waren als materielle Vorteile. Wer verstehen möchte, warum Schach nicht nur Sport und Wissenschaft, sondern auch Kunst sein kann, kommt an dieser Partie nicht vorbei.
London 1851 – Das erste internationale Schachturnier
Die Geschichte der Unsterblichen Partie beginnt im London des Jahres 1851. Anlässlich der Weltausstellung fand dort das erste internationale Schachturnier der Geschichte statt. Organisiert wurde die Veranstaltung von dem englischen Meister Howard Staunton, der zu dieser Zeit als einer der stärksten Spieler der Welt galt.
Das Turnier zog die besten Schachspieler Europas an und markierte einen Wendepunkt in der Entwicklung des Schachs. Zum ersten Mal trafen die führenden Meister verschiedener Länder in einem organisierten Wettbewerb aufeinander.
Überraschender Sieger wurde der deutsche Mathematiklehrer und Schachmeister Adolf Anderssen. Der aus Breslau stammende Spieler galt zwar als stark, wurde jedoch nicht zu den Topfavoriten gezählt. Mit seinem Turniersieg etablierte er sich schlagartig als einer der besten Spieler der Welt.
Lionel Kieseritzky hingegen gehörte zu den bekanntesten Schachpersönlichkeiten seiner Zeit. Der aus dem heutigen Lettland stammende Meister lebte in Paris und war insbesondere durch seine Simultanvorstellungen und seine theoretischen Arbeiten bekannt. Viele junge Talente suchten seinen Rat, und in den Pariser Schachcafés genoss er beinahe legendären Status.
Die berühmte Partie selbst wurde allerdings nicht während des offiziellen Turniers gespielt. Sie entstand in einer freien Analyse- und Freundschaftspartie zwischen den beiden Meistern am Rande der Veranstaltung.
Das romantische Zeitalter des Schachs
Um die Bedeutung der Partie zu verstehen, muss man sich die Schachwelt des 19. Jahrhunderts vor Augen führen.
Damals galt Schach vor allem als Angriffsspiel. Spieler strebten offene Stellungen an, opferten bereitwillig Bauern und Figuren und suchten nach spektakulären Mattkombinationen. Positionelle Konzepte, langfristige Strategien und prophylaktisches Denken spielten eine deutlich geringere Rolle als in der modernen Schachtheorie.
Beliebt waren insbesondere offene Eröffnungen wie das Königsgambit. Genau diese Eröffnung entstand auch in der Unsterblichen Partie.
Anderssen spielte mit den weißen Steinen:
e4 e5
f4
Mit dem Königsgambit opfert Weiß freiwillig einen Bauern, um Entwicklungsvorsprung und Angriffschancen zu erhalten.
Heute würde ein Großmeister viele der folgenden Züge kritisch beurteilen. Doch darum ging es damals nicht. Die Spieler wollten Initiative und Angriff – und genau das bekamen die Zuschauer.
Der Angriff nimmt Gestalt an
Schon früh entwickelte sich die Partie zu einem wilden Schlagabtausch. Kieseritzky nahm das Bauernopfer an und verteidigte sich zunächst energisch. Anderssen begann daraufhin, seine Figuren mit beeindruckender Geschwindigkeit ins Spiel zu bringen.
Während moderne Spieler oft auf langfristige Vorteile hinarbeiten, konzentrierte sich Anderssen ausschließlich auf das gegnerische Königszentrum. Jeder Zug diente einem einzigen Ziel: Angriff.
Nach und nach häuften sich die Opfer.
Zunächst gab Anderssen einen Läufer. Wenig später folgte ein Turm. Dann ein zweiter Turm.
Für viele Zuschauer musste es so aussehen, als würde Weiß schlicht Material verschenken.
Doch Anderssen hatte etwas anderes erkannt: Seine Figuren waren perfekt koordiniert, während die schwarzen Kräfte kaum zusammenarbeiteten.
Das berühmteste Damenopfer der Schachgeschichte
Der Höhepunkt der Partie kam im 22. Zug.
Anderssen spielte:
Df6!!
Ein Zug, der auf den ersten Blick völlig unverständlich wirkt.
Die Dame stellt sich freiwillig ins Schach und kann sofort geschlagen werden. Nach modernen Maßstäben handelt es sich um eines der spektakulärsten Damenopfer der Schachgeschichte.
Kieseritzky nahm die Dame selbstverständlich vom Brett.
Plötzlich hatte Anderssen nicht nur beide Türme geopfert, sondern auch seine Dame verloren. Ihm blieben lediglich zwei Läufer und ein Springer als Angriffsfiguren.
Und dennoch war die Partie praktisch entschieden.
Das Matt mit drei Leichtfiguren
Nach dem Damenopfer offenbarte sich die ganze Schönheit von Anderssens Idee.
Seine verbliebenen Figuren arbeiteten perfekt zusammen. Jeder Fluchtweg des schwarzen Königs war kontrolliert.
Wenige Züge später folgte das Finale:
Läufer e7 matt.
Ein Mattbild, das Generationen von Schachspielern begeistert hat.
Besonders faszinierend ist die Tatsache, dass Anderssen seinen Gegner mit lediglich drei Leichtfiguren mattsetzte, nachdem er zuvor Dame und beide Türme geopfert hatte.
Selbst heute wirkt die Kombination beinahe unglaublich.
Warum die Partie „unsterblich“ wurde
Der Name „Unsterbliche Partie“ entstand nicht unmittelbar nach dem Duell. Erst Jahre später begann die Schachwelt, die Begegnung als außergewöhnliches Kunstwerk zu betrachten.
Der österreichische Schachjournalist Ernst Falkbeer war einer der ersten, der die Partie ausführlich veröffentlichte und ihre Schönheit hervorhob. Mit der Zeit verbreitete sich die Bezeichnung „Immortal Game“, die schließlich weltweit übernommen wurde.
Der Titel ist durchaus passend. Während zahllose Turnierpartien des 19. Jahrhunderts längst vergessen sind, kennt nahezu jeder Schachspieler die Begegnung Anderssen gegen Kieseritzky.
Die Sicht moderner Computer
Interessanterweise zeigen heutige Schachprogramme, dass nicht alle Opfer Anderssens objektiv korrekt waren.
An mehreren Stellen hätte sich Schwarz vermutlich besser verteidigen können. Manche Kombinationen funktionieren nur deshalb, weil Kieseritzky nicht die stärksten Züge fand.
Doch genau das macht die historische Bedeutung der Partie nicht kleiner.
Die Unsterbliche Partie wird nicht bewundert, weil sie perfekte Computerschachqualität besitzt. Sie wird bewundert, weil sie Kreativität, Mut und Fantasie verkörpert wie kaum eine andere Begegnung.
Sie erinnert daran, dass Schach mehr ist als reine Präzision.
Ein Vermächtnis für die Ewigkeit
Adolf Anderssen spielte in seiner Karriere viele großartige Partien. Einige Jahre später sollte er mit der „Immergrünen Partie“ sogar ein weiteres Meisterwerk schaffen. Doch keine seiner Begegnungen erreichte den legendären Status der Unsterblichen Partie.
Bis heute wird sie in Lehrbüchern, Dokumentationen und Schachkursen behandelt. Anfänger entdecken durch sie die Schönheit taktischer Motive, während Großmeister sie als historisches Monument betrachten.
Mehr als anderthalb Jahrhunderte nach jenem Sommertag in London fasziniert die Partie noch immer. Nicht, weil sie perfekt war. Sondern weil sie zeigt, was möglich wird, wenn ein Spieler bereit ist, jede materielle Überlegung dem Angriff unterzuordnen.
Die Unsterbliche Partie ist deshalb weit mehr als eine Schachpartie. Sie ist ein Stück Schachkultur – ein Kunstwerk auf 64 Feldern, das seinen Namen bis heute verdient.
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