Die Immergrüne Partie: Anderssens zweites Meisterwerk für die Ewigkeit

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Editor: Thomas L.

7/27/2026

Die Immergrüne Partie: Anderssens zweites Meisterwerk für die Ewigkeit

Es gibt Partien, die gewinnen Turniere. Es gibt Partien, die Weltmeisterschaften entscheiden. Und es gibt Partien, die Generationen von Schachspielern inspirieren und selbst nach mehr als 170 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren haben.

Zu dieser seltenen Kategorie gehört die sogenannte „Immergrüne Partie“, gespielt im Jahr 1852 zwischen Adolf Anderssen und Jean Dufresne in Berlin. Nur ein Jahr nachdem Anderssen mit seiner berühmten „Unsterblichen Partie“ gegen Lionel Kieseritzky die Schachwelt begeistert hatte, schuf er ein weiteres Kunstwerk auf den 64 Feldern.

Bis heute gilt die Begegnung als eines der größten Angriffsmeisterwerke der Schachgeschichte. Zahlreiche Historiker und Autoren betrachten sie sogar als die schönste Angriffspartie des gesamten 19. Jahrhunderts.

Schach in der Romantik

Um die Bedeutung der Partie zu verstehen, muss man sich in die Schachwelt der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückversetzen.

Die moderne Positionslehre existierte noch nicht. Begriffe wie langfristige Bauernstrukturen, prophylaktisches Spiel oder strategische Ungleichgewichte sollten erst Jahrzehnte später durch Wilhelm Steinitz und seine Nachfolger systematisiert werden.

Die damalige Schachelite liebte den Angriff.

Opfer wurden nicht nur akzeptiert, sondern regelrecht gefeiert. Wer spektakulär gewann, galt als Künstler. Schach wurde als kreativer Wettkampf verstanden, bei dem Schönheit und Mut oft wichtiger erschienen als objektive Korrektheit.

Kein Spieler verkörperte diesen Stil besser als Adolf Anderssen.

Der deutsche Mathematiklehrer aus Breslau galt nach seinem Triumph beim Londoner Turnier 1851 als stärkster Spieler der Welt. Seine Kombinationen waren kühn, seine Fantasie nahezu grenzenlos.

Ein Gegner aus Berlin

Jean Dufresne war ein starker Berliner Meister, Journalist und Schachautor. Er gehörte zwar nicht zur absoluten Weltspitze, genoss aber in Deutschland hohes Ansehen.

Die Partie wurde in einer lockeren Berliner Schachrunde gespielt, entwickelte sich jedoch schnell zu etwas Außergewöhnlichem.

Bereits in der Eröffnung entstand eine scharfe Stellung. Anderssen führte die weißen Steine und spielte das Evans-Gambit, eine damals äußerst beliebte Angriffswaffe.

Nach den ersten Zügen entwickelte sich ein komplexes Mittelspiel:

Adolf Anderssen – Jean Dufresne
Berlin 1852

  1. e4 e5

  2. Sf3 Sc6

  3. Lc4 Lc5

  4. b4 Lxb4

  5. c3 La5

  6. d4 exd4

  7. 0–0 d3

  8. Db3 Df6

  9. e5 Dg6

  10. Te1 Sge7

Schon hier wird deutlich, wie kompromisslos beide Spieler agierten. Während Weiß Entwicklungsvorsprung und Initiative anstrebt, versucht Schwarz seinen materiellen Vorteil zu behaupten.

Doch bald beginnt Anderssen mit einem Angriff, der Schachgeschichte schreiben sollte.

Der Beginn eines Kunstwerks

Im weiteren Verlauf gelingt es Anderssen, seine Figuren harmonisch auf die schwarzen Felder zu richten.

Dufresnes König befindet sich zwar noch nicht unmittelbar in Gefahr, doch die weißen Figuren entfalten enorme Aktivität.

Was die Partie so außergewöhnlich macht, ist Anderssens Bereitschaft, Material vollständig zu ignorieren.

Zunächst opfert er einen Läufer.

Dann folgt ein Turm.

Und schließlich sogar die Dame.

Jedes Opfer dient demselben Zweck: die Verteidigung des schwarzen Königs Schritt für Schritt zu zerstören.

Anderssen berechnet nicht nur einzelne Varianten. Er erkennt intuitiv, dass die Aktivität seiner Figuren wertvoller ist als jedes materielle Opfer.

Das berühmte Damenopfer

Der Höhepunkt der Partie ist einer der bekanntesten Momente der gesamten Schachgeschichte.

Nach einer Reihe brillanter Züge erreicht Anderssen eine Stellung, in der er mit einem einzigen Zug seine Dame preisgibt.

Der Zug wirkt auf den ersten Blick völlig verrückt.

Die stärkste Figur des Spiels wird ohne unmittelbaren materiellen Ausgleich geopfert.

Doch tatsächlich ist die schwarze Stellung bereits hoffnungslos verloren.

Das Damenopfer zwingt Dufresne in ein Mattnetz, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Der finale Schlag lautet:

22. Lf6+!!

Ein Zug von unglaublicher Eleganz.

Die weißen Leichtfiguren arbeiten perfekt zusammen. Der schwarze König wird über das Brett gejagt, während die verbliebenen weißen Figuren sämtliche Fluchtfelder kontrollieren.

Wenige Züge später ist das Matt unausweichlich.

Die Partie endet mit einem spektakulären Figurenmatt – ein Anblick, der selbst erfahrene Schachspieler bis heute beeindruckt.

Warum die Partie „Immergrün“ genannt wird

Der Name „Immergrüne Partie“ entstand erst Jahrzehnte später.

Der österreichische Schachmeister und Journalist Ernst Falkbeer bezeichnete die Begegnung als „immergrün“, weil sie auch viele Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Schönheit verloren hatte.

Der Begriff traf den Kern perfekt.

Während viele Partien historisch interessant sind, wirkt Anderssens Angriff auch auf moderne Zuschauer noch erstaunlich frisch.

Selbst im Zeitalter leistungsstarker Schachengines beeindruckt die Klarheit seiner Ideen.

Die Opfer erscheinen nicht zufällig oder romantisch übertrieben. Sie folgen einer inneren Logik, die noch heute nachvollziehbar ist.

Die Bedeutung für die Schachgeschichte

Die Immergrüne Partie wurde zu einem festen Bestandteil der Schachliteratur.

Kaum ein Lehrbuch über Angriffsschach kommt ohne sie aus. Generationen von Spielern haben anhand dieser Begegnung gelernt, wie Entwicklungsvorsprung, Figurenaktivität und Königssicherheit zusammenwirken.

Zahlreiche spätere Weltmeister studierten Anderssens Meisterwerk.

Auch moderne Großmeister bewundern die Partie weiterhin. Nicht weil jeder Zug objektiv perfekt wäre, sondern weil sie beispielhaft zeigt, welche kreative Kraft im Schach steckt.

Die Begegnung erinnert daran, dass Schach weit mehr ist als reine Berechnung. Es ist auch Kunst.

Anderssens Vermächtnis

Adolf Anderssen wird oft als der größte Vertreter der sogenannten romantischen Schachschule bezeichnet.

Seine Partien waren voller Fantasie, Mut und Opferbereitschaft. Die Unsterbliche Partie machte ihn weltberühmt, doch viele Kenner sehen in der Immergrünen Partie das noch größere Meisterwerk.

Hier vereinen sich Angriffslust, Harmonie und taktische Präzision zu einem nahezu perfekten Ganzen.

Mehr als anderthalb Jahrhunderte später wird die Partie noch immer in Vereinen analysiert, in Schachbüchern nachgedruckt und von Trainern auf der ganzen Welt gezeigt.

Das allein erklärt, warum sie ihren Namen bis heute verdient.

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