Das „Match des Jahrhunderts“ – Partie 6: Als Bobby Fischer selbst seinen Gegner begeisterte
MOMENTE
Editor: Aditja P.
7/9/2026


Das „Match des Jahrhunderts“ – Partie 6: Als Bobby Fischer selbst seinen Gegner begeisterte
Die Partie, die zum Sinnbild schachlicher Perfektion wurde
Es gibt Schachpartien, die aufgrund spektakulärer Opfer oder brillanter Kombinationen unvergessen bleiben. Andere faszinieren durch ihre strategische Tiefe oder ihre historische Bedeutung. Nur wenige Begegnungen vereinen all diese Eigenschaften in sich. Die sechste Partie der Schachweltmeisterschaft 1972 zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski gehört zweifellos dazu.
Sie wird von vielen Großmeistern und Historikern als eine der vollkommensten Partien angesehen, die jemals auf Weltklasseniveau gespielt wurden. Es war kein Feuerwerk aus taktischen Schlägen wie Fischers berühmtes „Jahrhundertspiel“ von 1956. Stattdessen demonstrierte der Amerikaner, wie harmonisch Figuren zusammenarbeiten können, wie scheinbar kleine positionelle Vorteile langsam zu einer überwältigenden Stellung anwachsen und wie Schach auf höchstem Niveau zur Kunst werden kann.
Noch bemerkenswerter war jedoch die Reaktion seines Gegners. Nachdem Boris Spasski die Partie verloren hatte, erhob sich der amtierende Weltmeister und applaudierte seinem Herausforderer. Ein Moment, der bis heute zu den eindrucksvollsten Gesten des gegenseitigen Respekts in der Geschichte des Schachs zählt.
Mehr als eine Weltmeisterschaft
Als Fischer und Spasski im Sommer 1972 in Reykjavík aufeinandertrafen, ging es um weit mehr als den Weltmeistertitel.
Der Wettkampf fiel mitten in die Hochphase des Kalten Krieges. Seit 1948 hatten ausschließlich sowjetische Großmeister den Weltmeistertitel getragen. Die Sowjetunion betrachtete ihre Dominanz im Schach als Beweis für die Überlegenheit ihres politischen Systems. Entsprechend groß war der Druck auf Boris Spasski, diese Tradition fortzusetzen.
Auf der anderen Seite stand Bobby Fischer – ein Einzelkämpfer, der praktisch ohne staatliche Förderung den Weg an die Weltspitze gefunden hatte. In den Vereinigten Staaten wurde er längst als Hoffnungsträger gefeiert. Millionen Menschen verfolgten plötzlich ein Schachmatch, obwohl sie zuvor kaum Berührungspunkte mit dem Spiel gehabt hatten.
Nie zuvor hatte eine Schachweltmeisterschaft eine derart große mediale Aufmerksamkeit erhalten.
Ein chaotischer Beginn
Der Wettkampf begann allerdings alles andere als ideal für Fischer.
Die erste Partie verlor er nach einem überraschenden Fehler, als er einen vergifteten Bauern schlug und anschließend seine Stellung ruinierte. Noch dramatischer verlief die zweite Partie. Wegen eines Streits um Kameras, Lärm und die Spielbedingungen trat Fischer nicht an und verlor kampflos.
Nach nur zwei Partien lag der Amerikaner bereits mit 0:2 zurück. Viele Experten glaubten, der Wettkampf sei praktisch entschieden.
Doch Fischer kämpfte sich eindrucksvoll zurück. Er gewann die dritte und fünfte Partie und stellte den Ausgleich her. Vor der sechsten Begegnung war das Match wieder völlig offen.
Eine überraschende Eröffnung
Schon mit seinem ersten Zug überraschte Fischer die gesamte Schachwelt.
Bis dahin war er praktisch ausschließlich als Spieler der Sizilianischen Verteidigung oder der Königsindischen Verteidigung bekannt gewesen. Mit den weißen Steinen setzte er meist auf 1.e4.
In der sechsten Partie eröffnete Fischer jedoch mit 1.c4 – der Englischen Eröffnung.
Es war eine Wahl, mit der praktisch niemand gerechnet hatte. Weder Spasski noch sein umfangreiches sowjetisches Analystenteam hatten sich intensiv auf dieses System vorbereitet.
Fischer hatte seinen Gegner bereits vor dem eigentlichen Kampf auf unbekanntes Terrain geführt.
Positionsspiel in Vollendung
Was anschließend folgte, gehört zu den größten Demonstrationen strategischen Schachs überhaupt.
Fischer entwickelte seine Figuren harmonisch, kontrollierte Schritt für Schritt wichtige Felder und schränkte die Bewegungsmöglichkeiten seines Gegners immer weiter ein.
Nichts wirkte spektakulär.
Es gab keine opferreichen Kombinationen, keine überraschenden Mattangriffe und keine dramatischen Wendungen.
Stattdessen entstand eine Partie, in der nahezu jeder weiße Zug den Eindruck vermittelte, genau der richtige zu sein.
Spasski fand zwar solide Antworten, doch allmählich verschlechterte sich seine Stellung. Kleine positionelle Nachteile summierten sich zu einem immer größeren Problem.
Fischer kontrollierte das Zentrum, aktivierte seine Türme, verbesserte kontinuierlich seine Figuren und zwang den Weltmeister schließlich in eine passive Verteidigung.
Der Weltmeister findet keinen Ausweg
Besonders beeindruckend war, wie mühelos Fischer seine Vorteile verwertete.
Es gab keinen entscheidenden Fehler Spasskis.
Der sowjetische Weltmeister spielte keineswegs schlecht. Vielmehr gelang es Fischer, seinem Gegner Stück für Stück jede aktive Möglichkeit zu nehmen.
Je länger die Partie dauerte, desto deutlicher wurde der weiße Vorteil.
Schließlich entstand ein Endspiel, in dem Fischers Figuren perfekt zusammenarbeiteten. Der materielle Unterschied war zunächst gering, doch positionell war die schwarze Stellung bereits kaum noch zu halten.
Der Amerikaner verwandelte seinen Vorteil mit einer Präzision, die selbst Jahrzehnte später noch als vorbildlich gilt.
Der Applaus des Weltmeisters
Nachdem Spasski schließlich aufgab, ereignete sich einer der berühmtesten Momente der Schachgeschichte.
Der sowjetische Weltmeister stand auf, blickte zu seinem Gegner und begann zu applaudieren.
Es war eine außergewöhnliche Geste.
Niederlagen bei Weltmeisterschaften werden selten mit Bewunderung quittiert. Doch selbst Spasski erkannte, dass er gerade Zeuge einer außergewöhnlichen schachlichen Leistung geworden war.
Später erklärte er mehrfach, dass Fischer in dieser Partie schlicht besser gewesen sei.
Der Applaus wurde zu einem Symbol für den Respekt, den selbst erbitterte Konkurrenten vor wahrer schachlicher Größe empfinden.
Ein Wendepunkt im Match
Der Sieg hatte weitreichende Folgen.
Erstmals übernahm Fischer die Führung im Wettkampf. Gleichzeitig schien sich das psychologische Kräfteverhältnis vollständig verändert zu haben.
Während Fischer immer selbstbewusster auftrat, wirkte Spasski zunehmend verunsichert.
Der Amerikaner gewann schließlich das Match mit 12½ : 8½ und wurde als erster US-Amerikaner Weltmeister in der modernen Schachgeschichte.
Mit seinem Triumph endete zugleich eine 24 Jahre andauernde Dominanz sowjetischer Weltmeister.
Warum Partie 6 bis heute als Meisterwerk gilt
Viele berühmte Schachpartien leben von spektakulären Kombinationen oder brillanten Opfern.
Die sechste Partie von Reykjavík beeindruckt aus einem anderen Grund.
Sie zeigt, wie mächtig positionelles Schach sein kann.
Fischer gewann nicht durch einen taktischen Schlag, sondern durch die nahezu perfekte Koordination seiner Figuren. Jeder Zug verfolgte einen langfristigen Plan. Jede Figur verbesserte ihre Stellung. Jeder kleine Vorteil wurde geduldig ausgebaut.
Gerade deshalb gehört die Partie bis heute zum festen Bestandteil der Ausbildung vieler Spitzenspieler.
Großmeister nutzen sie regelmäßig, um die Bedeutung von Figurenaktivität, Raumvorteil und harmonischer Entwicklung zu demonstrieren.
Selbst moderne Schachprogramme bestätigen, dass Fischer über weite Strecken nahezu fehlerfrei spielte – eine bemerkenswerte Leistung gegen einen amtierenden Weltmeister.
Mehr als nur eine Schachpartie
Die sechste Partie des Weltmeisterschaftskampfes 1972 ist längst zu einem Symbol geworden.
Sie steht für den Triumph außergewöhnlicher Kreativität über jahrzehntelange Dominanz, für den Mut, selbst in einem WM-Kampf neue Wege zu gehen, und für die Erkenntnis, dass große Sportlichkeit manchmal wichtiger ist als Sieg oder Niederlage.
Boris Spasskis Applaus war dabei weit mehr als eine höfliche Geste. Er war die Anerkennung einer Partie, die selbst den Verlierer begeisterte.
Mehr als fünf Jahrzehnte später gilt Fischers Vorstellung in Reykjavík noch immer als eine der schönsten Partien der Schachgeschichte – nicht wegen spektakulärer Opfer, sondern wegen ihrer Eleganz, Präzision und nahezu perfekten Harmonie. Sie erinnert daran, dass Schach nicht nur ein Wettkampf ist, sondern auch eine Kunstform, deren größte Meisterwerke Generationen überdauern.
Du hast Fragen oder Verbesserungsvorschläge? Melde dich gerne bei uns: kontakt[at]one-square.de
Kontakt
one-square.de
kontakt[at]one-square.de
© 2026 All rights reserved.
